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Zerfallsreihen in der Auswertung von Gamma-Spektren

Lassen Sie uns Ihr neu gewonnenes Wissen über den radioaktiven Zerfall, Halbwertszeiten, Zerfallsgleichung und Zerfallsreihen sowie das radioaktive Gleichgewicht zunächst in zwei einfachen Beispielen anwenden und hierdurch einen ersten Bezug zur Praxis herstellen bevor wir uns der Analyse einer Zerfallsreihe zuwenden.

Ziel dieses Abschnitts ist, Sie mit dem prinzipiellen Vorgehen bei der Auswertung von Gamma-Spektren bekannt zu machen.

Gut zu wissen
Sie können das hier erlernte auch selbst in der Praxis anwenden. Gehen Sie sich hierfür zum Abschnitt Messplätze und Anmeldung. Hier können Sie reale Gamma-spektroskopische Messungen durchführen und diese anschließend mit einem kommerziellen Programm auswerten.

Übersicht

Erstes Beispiel – 137Cs

Wir haben den Zerfall von 137Cs in 137Ba bereits bei der Besprechung des säkularen Gleichgewichts kennen gelernt.

Lassen Sie uns jetzt für eine „normale“ Gamma-spektrometrische Messung einer 137Cs-Quelle das prinzipielle Vorgehen bei der Analyse eines Gamma-Spektrums betrachten.

Wichtig
Für eine fundierte Auswertung benötigen wir neben dem Gamma-Spektrum noch weitere Informationen, beispielsweise zu den verwendeten Messgeräten, der Messgeometrie, den Kalibrationen etc.

Zunächst noch ein paar Informationen zur Messung:

Bei der Messprobe handelt es sich im eine zertifizierte 137Cs-Stammlösung mit einer Aktivität von 400 Bq. Die Messung erfolgte in einer Blei-Burg, d. h. die Probe war während der gesamten Messung vollständig von ca. 5 cm Blei umgeben. Diese Maßnahme reduziert den Beitrag externer Strahlungsquellen, wie anderen Proben im Messraum, den Wänden etc. deutlich und ermöglicht die Aufnahme von Gamma-Spektren mit sehr niedrigem Untergrund.

Foto von drei Bleiburgen.

Foto von drei Bleiburgen, jeweils mit einem Stickstoff-gekühlten hochreinen Germanium Detektoren in „uplooking“ Geometrie ausgestattet. Die Wände der Bleiburg sind auf ihrer Innenseite zusätzlich mit Kupfer ausgekleidet, um die im Blei bei der Abschwächung der von außen kommenden Gamma-Strahlung entstehende Röntgen-Strahlung zu schwächen bzw. zu niedrigeren Energien zu „konvertieren“.

Mit einem HPGe-Detektor gemessenes Spektrum einer 137-Cs-Probe

Mit einem HPGe-Detektor gemessenes Spektrum einer 137Cs-Probe.

Die sehr gute Abschirmung der Probe durch die Bleiburg während der Messung zeigt sich im sehr niedrigen Untergrund im Spektrum, d. h. es sind neben der charakteristischen Linie von 137Cs (eigentlich ist es ja die Linie von 137Ba, siehe hier) bei 661 keV und den zugehörigen relativ schwa-chen Röntgen-Linien im niederenergetischen Energiebereich um 35 keV keine weiteren Linien sichtbar. Der von der Messung abgedeckte Energiebereich lag zwischen etwa 5 keV und 2800 keV.

Information
Als schwache Linien bezeichnen wir in der Regel Linien mit sehr geringen Übergangswahrscheinlichkeiten.

Wird für die Impuls-Achse im Diagramm statt der linearen Auftragung eine logarithmische Auftragung gewählt, werden in der Darstellung die Abstände zwischen aufeinanderfolgender Werte für die Impulse mit größer werdenden Werten immer kleiner.

Zur Verdeutlichung
Der Abstand zwischen einem Impuls und 10 Impulsen wird im Diagramm auf der Impulsachse als genauso weit dargestellt wie der Abstand zwischen 10 Impulsen und 100 Impulsen, oder zwischen 100 Impulsen und 1000 Impulsen etc.

Spektrum einer 137-Cs-Probe mit logarithmischer Auftragung der Impulse.

Das oben gezeigte Spektrum einer 137Cs-Probe mit logarithmischer Auftragung der Impulse.

In der logarithmischen Darstellung ist auch der durch Streueffekte erzeugte Compton-Untergrund mit der (verwaschenen) Compton-Kante, der Rückstreupeak sowie ein Annihilationspeak erkennbar.

Ausschnitt des Gamma-Spektrums der 137-Cs-Quelle im Bereich bis 800 keV

Ausschnitt des Gamma-Spektrums der 137Cs-Quelle im Bereich bis 800 keV.

Wenden wir uns nach diesen visuellen Betrachtungen nun der Analyse des Spektrums zu. Der erste Schritt wird immer die Identifikation der in der Probe enthaltenen Radionuklide anhand der charakteristischen Peaks sein. Das prinzipielle Vorgehen haben wir bereits im Abschnitt Nuklididentifikation kennengelernt. Voraussetzung ist eine vorangegangene korrekte Energiekalibration des Messsystems.

In unserem Fall wissen wir, dass das Gamma-Spektrum mit einer 137Cs-Probe erstellt wurde. Wir können aber auch die Energie des größten Peaks (hier bei etwa 661 keV) aus dem gemessenen Spektrum ermitteln und durch Vergleich mit den Daten aus Nuklidbibliotheken auf das Nuklid schließen. Dies wollen wir im Folgenden in einer Schritt-für-Schritt-Anleitung nachvollziehen.

Für unser Beispiel wählen wir die Online-Nuklidbibliothek Lara. In der Eingabemaske (Nuclide search criteria) geben wir die aus dem Spektrum bestimmte Energie des Peaks ein (hier 661 keV) und zusätzlich noch eine Unsicherheit bezüglich der Energie, in unserem Fall 1,5 keV. Bei einer guten Energiekalibration können wir sowohl die Energie genauer angeben als auch die Unsicherheit kleiner wählen und damit die Auswahl möglicher Kandidaten weiter einschränken. Das weitere Vorgehen ist in den jeweiligen Unterschriften zu den Bildschirmfotos beschrieben.

Nuklidbibliothek Lara: in den rot markierten Bereich sind die Energie und die Unsicherheit bezüglich der Genauigkeit des Energiewerts einzugeben.

Nuklidbibliothek Lara: durch drücken des Buttons „Find nuclides“ werden auf der rechten Seite zu den Eingaben passende Ergebnisse angezeigt. Aus den Listen mit Nukliden, die nach zunehmender Energie (oberste Liste), abnehmender Intensität der Übergangswahrscheinlichkeit (mittlere Liste) und Halbwertszeit (untere Liste) sortiert sind, wählt man das am besten passende Nuklid aus, in unserem Fall 137Cs (beachte: die Listen können mit vertikalen Schiebereglern gescrollt werden). Unsere Kriterien für die Auswahl von 137Cs waren: hohe Emissionswahrscheinlichkeit, lange Halbwertszeit (da die Probe schon mehrere Jahre existierte).

Nuklidbibliothek Lara: nach Auswahl des Nuklids und drücken des Buttons „Show emission“ werden rechts davon weitere Informationen zu dem Nuklid angezeigt. In unserem Fall interessieren wir uns zunächst für die Linien, die dem Zerfall von 137Cs zugeordnet werden können. Wir sehen, dass es eine Gamma-Linie bei 661,6553 keV mit einer Über-gangswahrscheinlichkeit von 85,01 % gibt. Zwei weitere Gamma-Linien bei 283,46 keV und 378,20 keV haben eine extrem niedrige Übergangswahrscheinlichkeit, weshalb sie im Allgemeinen in gemessenen Spektren nicht nachweisbar sind. Außerdem gibt es mehrere Röntgen-Linien mit Linien bei 4,88 keV (liegt außerhalb des Messbereichs des Detektors) und zwischen 31,8 keV und 37,3 keV. Letztere sind in unserem gemessenen Spektrum vorhanden. Allerdings überlagern sich die Linien von 31,8 keV und 32,2 keV sowie von 36,4 keV und 37,3 keV im Spektrum und können nicht getrennt aufgelöst werden.

Die in Lara so gefundenen Linien beschreiben zusammen mit dem Rückstreupeak und dem Annihilationspeak alle Linien im gemessenen Spektrum. Wir haben somit den ersten Schritt unserer Analyse, die Identifikation aller im Spektrum enthaltenen Linien, erfolgreich bearbeitet und (obwohl wir es vorher schon wussten) 137Cs als einziges vorhandenes Radionuklid identifiziert.

Merke
Alle in einem Spektrum enthaltenen Linien müssen einem Nuklid oder einem Effekt (z. B. Annihilation, Rückstreuung) zugeordnet werden können!

Der zweite Schritt betrifft die Quantifizierung, d. h. Bestimmung der Aktivität von 137Cs. Hierfür müssen wir alle uns zur Verfügung stehenden Informationen berücksichtigen. Zu diesen zählen unter anderem

  • Informationen aus dem Spektrum und aus Nukliddatenbanken (identifizierte Nuklide, Energien der Linien und ihre Emissionswahrscheinlichkeiten, Nettopeakflächen der Linien etc.),
  • Daten aus Kalibrationsmessungen (z. B. Energiekalibration, Effizienzkalibration),
  • Informationen zur Messgeometrie.

An dieser Stelle werden wir nur das prinzipielle Vorgehen skizzieren, da uns für eine vollständige Analyse noch einiges an hierfür erforderlichem Detailwissen fehlt. Dieses wird im Abschnitt Gamma-Spektrometrie für Anwender vermittelt, zusammen mit zahlreichen weiteren interessanten und wichtigen Aspekten rund um die Gamma-Spektrometrie.

Lasen Sie uns nun überlegen, wie wir die Aktivität von 137Cs berechnen können. Hierfür erstellen wir uns zunächst eine Funktion, die ein Model unserer Messung sein soll. Das Ergebnis der Funktion, die Aktivität A von 137Cs, wird von verschiedenen Größen (sogenannten Parametern) abhängen.

Ausgangspunkt unserer Überlegungen ist die stärkste charakteristische Linie von 137Cs bei 661,7 keV, d. h. die Linie mit der größten Übergangswahrscheinlichkeit (85,01 %). Für diese Linie können wir die Fläche des Peaks beispielsweise mit einem Gamma-Spektrometrieprogramm bestimmen. Die Größe der Fläche wird sicherlich von der Aktivität A der Quelle abhängen, d. h. je mehr Zerfälle stattfinden, desto mehr Photonen treffen auf den Detektor und desto mehr Impulse registriert dieser.

Außerdem wird die Messzeit t eine Rolle spielen. Je länger wir messen, desto mehr Impulse werden im Detektor registriert.

Gleichzeitig müssen wir berücksichtigen, dass in der Fläche des Peaks eventuell auch Anteile aus dem Untergrund enthalten sein können. Diese können beispielsweise durch Messungen ohne Probe bei gleicher Messzeit vorab bestimmt werden. Bezeichnen wir den Anteil des Untergrunds an der Peakfläche mit UGF, die gesamte Peakfläche mit Untergrund als BPF (Bruttopeakfläche), dann können wir hieraus durch Subtraktion die Nettopeakfläche (NPF), d. h. die in die Berechnung der Aktivität eingehende Fläche, bestimmen

\[ \text{NPF} = \text{BPF} - \text{UGF} \]

Andererseits beschreibt die Aktivität die Anzahl der Zerfälle pro Sekunde, wie anhand ihrer Einheit Bq ersichtlich wird. Mit diesen Überlegungen können wir bereits einen ersten Ansatz für unser Model zur Bestimmung der Aktivität ableiten.

\[ A \sim \frac{\text{BPF} - \text{UGF} }{t} \]

Aus Nukliddatenbanken können wir entnehmen, dass von 100 Zerfällen nur 85,01 Zerfälle zur charakteristischen Linie von 137Cs beitragen. Auch diesen Effekt muss unser Model durch die Emissionswahrscheinlichkeit pγ (= 0,8501) berücksichtigen. Damit erhalten wir

\[ A \sim \frac{1}{p_{\gamma}} \cdot \frac{\text{BPF} - \text{UGF} }{t} \]

d. h. durch Berücksichtigung der Emissionswahrscheinlichkeit, die in der Regel kleiner als 1 ist (d. h. unter 100 %), erhöht sich die Aktivität entsprechend.

Jetzt müssen wir noch den Einfluss des Detektors und der Messgeo-metrie (z. B. Abstand zwischen Quelle und Detektor) auf die Anzahl der registrierten Impulse berücksichtigen. Hierfür fügen wir unserem bisherigen Model einen zusätzlichen Faktor hinzu, der als absolut full-energy peak efficiency (ε) bezeichnet und durch Kalibrationsmessungen bestimmt wird.

Unser „endgültiges“ Model für die Bestimmung der Aktivität ist damit

\[ A = \frac{\epsilon}{p_{\gamma}} \cdot \frac{\text{BPF} - \text{UGF} }{t} \]

Mit dieser Gleichung können wir nun die Aktivität A der 137Cs-Quelle berechnen. Es handelt sich hierbei um ein einfaches Model (eine Funktion), das den Zusammenhang zwischen den Messdaten und der Aktivität beschreibt.

Hinweis
Wenn Sie wie wir hier eine derartige Formel aufstellen, dann prüfen Sie abschließend, ob die Einheiten stimmen. In unserem Fall wissen wir, dass die Aktivität die Einheit Bq = 1/s hat. Dies bedeutet, dass die Einheit auf der rechten Seite ebenfalls 1/s sein muss. Da der Kalibrationsfaktor (hier \(\frac{\epsilon}{p_{\gamma}} \)) ein reiner Zahlenfaktor ist, und die NPF durch die Messzeit t divi-diert wird, ergibt sich hier ebenfalls 1/s.

Wie schon erwähnt, spielen in der praktischen Anwendung oftmals noch weitere Faktoren eine Rolle, die hier nur kurz erwähnt werden sollen:

  • Zerfall während der Messung (bei kurzen Halbwertszeiten relevant)
  • Summationseffekte
  • Selbstabsorption in der Probe
  • Abschirmungen zwischen Probe und Detektor
  • Unsicherheiten der verschiedenen Werte

Eigentlich wäre dieser Abschnitt an dieser Stelle zu Ende. Da es uns aber etwas unbefriedigend erscheint diesen ohne eine konkrete Berechnung der Aktivität für unser Beispiel der 137Cs-Quelle zu beenden, wollen wir die hierfür erforderlichen Angaben nachliefern. Die Berechnung der Aktivität überlassen wir ihnen.

Daten zur Berechnung der Aktivität von 137Cs mit obiger Gleichung.

Energie in keV\(p_{ \gamma}\)BPFUGFt in s\(\epsilon\)

661,84

0,8501

28334664

175464

7200

0,0739

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Zweites Beispiel – 152Eu

Bevor wir uns „längeren“ Zerfallsreihen zuwenden, lassen Sie uns erst noch ein gemessenes Gamma-Spektrum des Nuklids 152Eu (Europium 152) auswerten. Den Fokus legen wir hier auf die vielen charakteristischen Gamma-Linien des Nuklids und deren Nutzen in der Auswertung.

Information
152Eu wird künstlich in Kernreaktoren durch Neutronenaktivierung von 151Eu oder in Teilchenbe-schleunigern hergestellt. Zudem entsteht es als Nebenprodukt bei der Kernspaltung von Uran und Plutonium in Reaktoren.

Ein typisches Gamma-Spektrum für eine 152Eu-Quelle, das mit einem HPGe-Detektor gemessen wurde, zeigt nachfolgende Abbildung.

Mit einem HPGe-Detektor gemessenes Spektrum einer 152-Eu-Quelle. Deutlich erkennbar ist die Vielzahl an charakteristischen Linien dieses Nuklids.

Mit einem HPGe-Detektor gemessenes Spektrum einer 152Eu-Quelle. Deutlich erkennbar ist die Vielzahl an charakteristischen Linien dieses Nuklids.

Im Spektrum ist eine Vielzahl an charakteristischen Gamma-Linien zu erkennen, deren Identifikation wie immer der erste Schritt einer Auswertung eines Gamma-Spektrums ist. Wir gehen davon aus, dass vor Beginn der Messung eine Energiekalibration  durchgeführt wurde, d. h. wir können der Lage jeder charakteristischen Linie im Spektrum einen Energiewert zuordnen, der gut mit den entsprechenden tabellierten Werten in den Nuklidbibliotheken übereinstimmt.

Tabelle mit identifizierten Linien von 152Eu. Bei den angegebenen Energiewerten handelt es sich um die gemessenen Energien, die aufgrund von Messungenauigkeiten ggf. leicht von den entsprechenden tabellierten Werten abweichen. Zu jeder Linie ist die Emissionswahrscheinlichkeit pγ in Prozent und die gemessene Nettopeakfläche (NPF) angeführt. Im Spektrum sind noch weitere Linien enthalten, welche dem am Messplatz vorhandenen Untergrund zugeordnet werden können und im Beispiel nicht weiter berücksichtigt werden.

Energie in keV\(p_{\gamma}\)NPF

122,05

25,58

3,41·106

244,84

7,55

8,07·105

344,43

26,59

2,35·106

411,30

2,237

1,82·105

444,17

2,827

2,48·105

779,17

12,93

6,98·105

867,59

4,23

2,05·105

964,33

14,51

6,88·105

1086,23

10,11

4,44·105

1112,34

13,67

5,89·105

1408,30

20,87

7,75·105

Lassen Sie uns zunächst einmal den Zusammenhang zwischen den Nettopeakflächen (NPF) und den zugehörigen Energien in einem Diagramm ansehen.

Energie-Nettopeakflächen-Diagramm für die gemessenen charakteristische Linien der 152-Eu-Probe

Energie-Nettopeakflächen-Diagramm für die gemessenen charakteristische Linien der 152Eu-Probe.

Einen wirklichen funktionalen Zusammenhang zwischen den Nettopeakflächen und den Energien kann man weder der Tabelle noch dem Diagramm entnehmen, oder?

Wenn wir aber nochmals zur Gleichung für die Berechnung der Aktivität im Beispiel für das 137Cs zurückkehren, dann sehe wir, dass hier auch die Emissionswahrscheinlichkeit der Linie Berücksichtigung findet. Diese wollen wir nun ebenfalls berücksichtigen.

Lassen Sie uns obige Tabelle um eine weitere Spalte mit den Nettopeakflächen (NPF), die um die Emissionswahrscheinlichkeiten pγ „korrigiert“ (d. h. dividiert) wurden, ergänzen und anschließend nochmals das entsprechende Diagramm zeichnen.

Obige Tabelle mit identifizierten Linien von 152Eu ergänzt um eine Spalte mit den „korrigierten“ Nettopeakflächen NPF/pγ.

Energie in keV\(p_{\gamma}\)NPFNPF / \(p_{\gamma}\)

122,05

25,58

3,41·106

1,19·107

244,84

7,55

8,07·105

1,07·107

344,43

26,59

2,35·106

8,84·106

411,30

2,237

1,82·105

8,14·106

444,17

2,827

2,48·105

8,77·106

779,17

12,93

6,98·105

5,40·106

867,59

4,23

2,05·105

4,85·106

964,33

14,51

6,88·105

4,74·106

1086,23

10,11

4,44·105

4,39·106

1112,34

13,67

5,89·105

4,31·106

1408,30

20,87

7,75·105

3,71·106

„Korrigiertes“ Energie-Nettopeakflächen-Diagramm für die charakteristische Linien der 152Eu-Probe unter Berücksichtigung der unterschiedlichen Emissionswahrscheinlichkeiten der einzelnen Linien. Die rote Linie ist eine an die Werte gefittete Polynomfunktion dritten Grades.

Sehen Sie jetzt einen funktionalen Zusammenhang zwischen den „korrigierten“ Nettopeakflächen und den Energien? Natürlich! Eine mögliche Funktion ist ja (in rot) im Diagramm eingezeichnet.

Es fällt allerdings auf, dass die „korrigierten“ Werte (blaue Punkte) nicht genau auf der Kurve liegen. Dies liegt zum einen daran, dass unsere Wahl eines Polynoms dritten Grades für die Funktion relativ willkürlich ist (und hier nur dem prinzipiellen Verständnis dienen sollte), zum anderen an der Statistik der Messdaten und weiteren Effekten, die wir noch nicht erwähnt haben.

Aus diesem Ergebnis können wir aber bereits zwei Folgerungen ziehen:

  • Kennen wir die Nuklide und die Aktivität(en) der in der Messung verwendeten Quelle, dann können wir aus den gemessenen Nettopeakflächen und der Messzeit die absolut full-energy peak efficiency (ε) in Abhängigkeit von der Energie bestimmen und damit Messungen anderer Proben in der gleichen Messgeometrie quantitativ auswerten.

\[ \epsilon \left(E \right) = A \cdot \frac{\frac{NPF}{t}}{p_{\gamma}} \]

  • Ist die Funktion der absolut full-energy peak efficiency (ε) bekannt und weichen die berechneten Aktivitätswerte für die verschiedenen Linien eines Nuklids deutlich voneinander ab, dann ist dies ein Hinweis auf
    • eine andere Probengeometrie (z. B.: in der Kalibrationsmessung wurde eine punktförmige Quelle verwendet, die Aktivität der aktuellen Probe ist über ein größeres Volumenverteilt)
    • das mögliche Vorhandensein von einer oder mehreren zusätzlichen Abschirmungen zwischen Probe und Detektor (z. B. ein (Abschirm-)Behälter, der die Probe enthält), da die Stärke der Schwächung von Strahlung energieabhängig ist.

Damit haben wir nun (fast) alle Informationen beisammen, um typische Gamma-Spektren auszuwerten und die Aktivitäten zu bestimmen.

Berechnen wir nun für jede Linie des Nuklids die Aktivität, dann erhalten wir im Idealfall jeweils den gleichen Wert, da die Linien ja aus dem Zerfall desselben Nuklids stammen. In der Praxis werden wir aber aufgrund statistischer Effekte meist leicht unterschiedliche Werte erhalten. Durch deren Mittelung kann ein zusammenfassender Aktivitätswert gebildet werden.
Erkennen wir aber sehr starke Abweichungen zwischen den Werten, dann müssen wir uns weitere Fragen stellen:

  • Sind die Abweichungen durch Linien mit sehr geringen Emissionswahrscheinlichkeiten oder sehr geringen Nettopeakzählraten bedingt? Dann bevorzugt man für die Aktivitätsangabe nur die Ergebnisse der Linien mit großen Emissionswahrscheinlichkeiten und/oder Nettopeakzählraten.
  • Oder ist unser Model nicht vollständig? Möglicherweise haben wir vorhandene zusätzliche Absorberschichten oder Abweichungen von den Kalibrationsvoraussetzungen (z. B. Abweichung von der punktförmigem Kalibrationsgeometrie der Quelle) etc. nicht berücksichtigt. In diesem Fall müssen wir unser Model anpassen oder erweitern.

Beachte
Anhand dieser kurzen Anmerkungen erkennen Sie bereits, dass Ergebnisse der (automatischen) Analyse von Gamma-Spektrometrie-Messungen niemals ungeprüft akzeptiert werden sollten.

Was haben wir bislang noch nicht vertieft besprochen?

Wir haben beispielsweise das Thema Untergrund in Gamma-Spektren nur ganz rudimentär an verschiedenen Stellen erwähnt (Messung in einer Bleiburg, Untergrundfläche). Die absolut full-energy peak efficiency haben wir an zwei Stellen kurz betrachtet, bei der Auswertung einer Linie des 137Cs-Spektrums und bei den charakteristischen Linien eines 152Eu-Spektrums, jeweils für eine spezielle Messgeometrie. Tatsächlich gehen bei genauerer Betrachtung noch zahlreiche weitere Parameter in die Bestimmung mit ein, wie die Effektivität des Detektors, die Proben- und Messgeometrie, vorhandene Abschirmungen etc.

Aber das sind alles Eigenschaften, die den Inhalt dieses Fortgeschrittenen-Abschnitts übersteigen. Wen es interessiert, diese Punkte werden in den Abschnitten Anwender und Experten näher besprochen.

Dieser Abschnitt war zugegebenermaßen bereits relativ anspruchsvoll. Wir haben damit aber die Grundlagen geschaffen, um den nächsten Abschnitt zu verstehen, dessen Inhalt wir damit sehr kompakt halten können.

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Drittes Beispiel – 235U

Betrachten wir nun die Auswertung einer Zerfallsreihe am Beispiel einer 235U-Probe. Wir wissen bereits, dass 235U zur Uran-Actinium-Reihe gehört und zahlreiche Tochternuklide besitzt.

Wie gehen wir bei der Auswertung eines derartigen Spektrums vor?

Wie immer müssen wir als erstes alle im Spektrum vorkommenden Linien identifizieren. Hierbei können wir unser Wissen über Zerfallsreihen ausnutzen. Sobald wir ein Nuklid aus der Zerfallsreihe identifiziert haben, können wir den Nukliddatenbanken die Energien der charakteristischen Linien der Mutter- und Tochternuklide entnehmen und diese im Spektrum suchen. Gleiches gilt für die Nutzung der Kenntnis über Mehrfachlinien für ein Nuklid, wie im Falle von 152Eu. Beides hilft uns bei der Identifikation.

Haben wir alle Linien identifiziert, dann können wir mit der Quantifizierung beginnen. Auch hier gehen wir für jedes Nuklid vor, wie wir es bereits im Falle von 137Cs und 152Eu besprochen haben.

Haben wir die Aktivitäten aller identifizierter Nuklide bestimmt, können wir aber im Falle von Zerfallsreihen noch weitere Betrachtungen anstellen. Wir können

  • die Aktivitäten von Mutter und Tochternukliden vergleichen (beachte dabei die verschiedenen Halbwertszeiten!) und hierdurch Rückschlüsse auf den jeweiligen Gleichgewichtszu-stand anstellen. Unter Umständen können wir aus den Verhältnissen auch auf das Alter der Probe schließen.
  • auf Nuklide schließen, die ebenfalls in der Probe vorhanden sein können, aber keine cha-rakteristischen Gamma-Linien besitzen.

Allerdings müssen hierbei auch mögliche Nebeneffekte berücksichtigt werden, welche die vorgenannten Betrachtungen beeinflussen können.

  • Die Zerfallsreihe ist nicht im Gleichgewicht.
  • Es erfolgte eine (radio)chemische Abtrennung von Nukliden aus der Zerfallsreihe.
  • Es wurden der Zerfallsreihe Nuklide hinzugefügt.

Diesen Themen widmen wir uns im Abschnitt Gamma-Spektrometrie für Anwender näher.

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Technische Universität München
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